NSBM, wie alles begann. Der Black Metal ist seit seinen Anfängen ein musikalisches Genre, das nicht nur aufgrund seiner extremen Klangästhetik für Kontroversen sorgt. Insbesondere die immer wiederkehrenden Vorwürfe, eng mit nationalsozialistischem Gedankengut verwoben zu sein, begleiten die Szene seit Jahrzehnten. Bereits in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren sorgten erste Bands durch Provokationen, Symbolik und Statements für Aufmerksamkeit, die den Verdacht auf rechtsextreme Tendenzen nährten. Doch wo endet künstlerische Provokation und wo beginnt ideologische Überzeugung? Dieser Artikel widmet sich der komplexen Frage nach dem Verhältnis von Black Metal und Nationalsozialismus, zeichnet zentrale Entwicklungen nach und beleuchtet, wie sich die Debatte von der Gründungszeit bis in die heutige Gegenwart gewandelt hat.
Inhalt
Ein düsterer Auftakt: Die Ursprünge des NSBM in Norwegen (1990er Jahre)
Dunkelheit senkt sich über die norwegischen Wälder, als in den frühen 1990er Jahren eine neue Welle extremen Metals heraufbeschworen wird. Black Metal – das ist die Musik der verbrannten Kirchen, der heulenden Gitarren und der todesähnlich geschminkten Gesichter. In Oslo und Bergen bilden sich verschworene Zirkel junger Musiker, die gegen jede Form von etablierter Religion und Moral rebellieren wollen. Im Zentrum dieser sich radikalisierenden Szene steht Varg Vikernes, der unter dem Pseudonym Burzum finstere Klänge erschafft. Vikernes, geboren als Kristian Vikernes, wird nicht nur durch seine Musik, sondern auch durch seine Taten berüchtigt: Er brennt historische Holzkirchen nieder und ermordet 1993 seinen Bandkollegen Øystein „Euronymous“ Aarseth von Mayhem mit zahlreichen Messerstichen. Die Presse stürzt sich auf den „Satanismus im norwegischen Black Metal“, doch Vikernes’ Motivation geht weit über bloße Teufelsverehrung hinaus.


Varg Vikernes entwickelt im Gefängnis eine krude, rassistische Weltanschauung, die Neuheidentum mit Nationalsozialismus vermengt. Er stilisiert sich zum Kämpfer für eine „reine“ nordische Kultur und erklärt das Christentum zur „jüdischen Verschwörung gegen den arischen Menschen“. In zahlreichen Schriften – darunter sein selbstverlegtes Buch Vargsmål – propagiert Vikernes eine Rückbesinnung auf die heidnischen Götter und Mythen der Germanen, gepaart mit offener Verehrung Adolf Hitlers als „Krieger im Namen Odins“. In Interviews aus jener Zeit fabuliert Vikernes von einem kommenden „Ragnarök“, in dem die moderne Gesellschaft untergehen und eine von starken, heidnisch-arischen Kriegern dominierte Weltordnung entstehen werde. Diese extremen Positionen sind neu in der Black-Metal-Welt, die bis dato zwar satanische Provokation, aber selten explizite politische Ideologien kannte.
Während Vikernes 1994 wegen Mordes und Kirchenbrandes zu einer langen Haftstrafe verurteilt wird, verbreiten sich seine Ideen wie Lauffeuer in der internationalen Szene. Norwegen bleibt in jenen Jahren einer der Brennpunkte. Zwar sind viele prominente norwegische Black-Metal-Musiker – etwa von Darkthrone, Immortal oder Emperor – nicht an rechtsextremen Umtrieben beteiligt, doch Vikernes’ schockierende Taten und Äußerungen überschatten alles. Die norwegische Presse spricht vom „Schwarzen Metal-Kult“ und warnt vor einer gefährlichen Melange aus Musik, Gewalt und Nazi-Obsession. Ironischerweise zieht gerade diese Aufmerksamkeit neugierige Seelen weltweit an. Vikernes avanciert in gewissen Kreisen zum finsteren Idol: ein Mann, der seine Überzeugungen in Blut und Feuer gemeißelt hat. Black Metal wird so mancherorts gleichgesetzt mit Mord, Brandstiftung und Nationalsozialismus, obwohl das Gros der Szene mit dieser Politisierung nichts zu tun haben will. Doch es ist zu spät: Ein Dämon wurde freigesetzt, und bald erhebt er sich auch außerhalb Norwegens.
Mord in Thüringen: Absurd und die Saat des Hasses in Deutschland (1990er Jahre)
Deutschland, 1993: In der sonst beschaulichen Kleinstadt Sondershausen in Thüringen ereignet sich ein Verbrechen, das die Republik erschüttert. Drei Teenager, 15 und 16 Jahre alt, gehören der lokalen Black-Metal-Band Absurd an. Sie locken einen Mitschüler in einen Wald und erwürgen ihn kaltblütig an einem Baum. Die Tat – später als „Satansmord von Sondershausen“ berüchtigt – schockiert das Land. Bald stellt sich heraus, dass die Jugendlichen um Hendrik Möbus und seinen Bruder in okkulten und satanistischen Fantasien schwelgten. Die Medien sprechen von „Satansjüngern“, Absurd wird zum Synonym für jugendliche Gefährlichkeit. Doch ähnlich wie im Fall Vikernes ist Satanismus nur der erste Akt – im Hintergrund deuten sich bereits rechtsextreme Ideologien an, die zunächst verdeckt bleiben.


Hendrik Möbus, der Drahtzieher des Mordes und Sänger von Absurd, wird zu einer Jugendstrafe verurteilt. In der Haft jedoch wandelt sich sein Weltbild. Aus dem halbstarken Teufelsanbeter wird ein überzeugter Neonazi, der in der sich formierenden NSBM-Szene eine Führungsrolle übernimmt. Bereits während seiner Inhaftierung veröffentlicht Absurd Demokassetten mit Titeln wie Thuringian Pagan Madness, die immer deutlicher heidnisch-germanische und neonazistische Tendenzen zeigen. Möbus erkennt die Synthese aus extremer Musik und rechtsextremer Ideologie als fruchtbaren Nährboden: In Black-Metal-Kreisen findet er Gleichgesinnte, die das Bürgertum verachten und für radikale Ideen empfänglich sind.
Als Hendrik Möbus 1998 auf Bewährung entlassen wird, verliert er keine Zeit, seine Mission voranzutreiben. Unverblümt provoziert er die Öffentlichkeit: Bei einem Konzert seiner Band Absurd hebt er auf der Bühne den Arm zum Hitlergruß und ruft „Sieg Heil!“. Fotos davon schlagen Wellen in den Medien. Die Behörden reagieren prompt: Möbus hat damit gegen seine Bewährungsauflagen und gegen das Verbot nationalsozialistischer Symbole verstoßen. Er taucht unter und flieht schließlich in die USA, wo er auf Unterstützung durch die dortige Neonazi-Szene hofft.
Während dieser Flucht wird deutlich, wie sehr sich mittlerweile subkulturelle Musik und rechte Netzwerke vermischt haben. In den USA erhält Möbus Hilfe von keinem Geringeren als William Pierce, dem Anführer der National Alliance – einer der führenden Neonazi-Organisationen Amerikas. Pierce, bekannt als Autor des rassistischen Romans The Turner Diaries, sieht in Möbus einen nützlichen Verbündeten. Unter Parolen wie „Free Hendrik Möbus!“ sammeln amerikanische Rechtsextreme Spenden für seinen Rechtsbeistand. Was macht einen deutschen Black-Metaller so interessant für einen US-Neonazi? Ganz einfach: Möbus hat Verbindungen in einen blühenden internationalen Untergrund aus NSBM-Bands und Labels, die Pierce’ Vision einer „weißen Revolution“ in der Jugend verankern könnten. Tatsächlich hat Möbus in Deutschland das Plattenlabel Darker Than Black Records mitgegründet, das NSBM-Veröffentlichungen weltweit vertreibt. Über ein von Vikernes inspiriertes Netzwerk namens Allgermanische Heidnische Front – einer Art Heiden-Internationalen – knüpft er Kontakte von Europa bis Amerika. Die Black-Metal-Subkultur wird so zur Schnittstelle von rechtsextremer Ideologie und Musikindustrie.


Schließlich wird Möbus im Jahr 2000 in den USA verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. Doch der Schaden – aus Sicht der Zivilgesellschaft – ist angerichtet. Absurd gilt nun offen als rechtsextreme Band und hat in ihrem Gefolge zahlreiche weitere deutsche Gruppen beeinflusst. Möbus stilisiert sich als Märtyrer, der „für Meinungsfreiheit verfolgt“ werde, während er im selben Atemzug den Nationalsozialismus als „vollkommendste Synthese aus satanischem Willen zur Macht und arisch-germanischem Heidentum“ preist. In Thüringen hat Absurd längst zahlreiche Jünger: Sie betreiben kleine Fanzines, gründen weitere Bands und veranstalten Untergrund-Konzerte, meist konspirativ in abgelegenen Orten. Deutschland in den späten 90ern erlebt so eine wachsende NSBM-Bewegung, die eng mit der militanten Neonazi-Szene verwoben ist. Hier verbindet sich die Wut einer Jugend im Ostdeutschland der Nachwendezeit mit der düsteren Ästhetik des Black Metal – eine brisante Mischung, die Gesellschaft, Behörden und die Metal-Szene selbst vor enorme Herausforderungen stellt.
Pagan Front und heidnische Allianzen: NSBM breitet sich aus (späte 1990er Jahre)
Während Norwegen und Deutschland als brutale Initialzündungen dienen, verbreitet sich die Idee des National Socialist Black Metal ab Mitte der 90er Jahre international. In verschiedenen Ländern entstehen Bands, die Musik und Ideologie in ähnlich radikaler Weise verknüpfen. Oft sind es Einzelgänger oder kleine Zellen fernab der Mainstream-Musikindustrie. Sie finden dennoch zueinander – durch Brieffreundschaften, Tape-Trading und die ersten Schritte des Internets. Eine lose Allianz formiert sich: die Pagan Front. Unter diesem Banner sammeln sich NSBM-Bands und -Labels aus aller Welt, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu vernetzen.
Zu den frühen Knotenpunkten gehört Polen. Hier gründet 1992 ein junger Musiker namens Robert „Rob Darken“ Fudali die Band Graveland. Ursprünglich inspiriert von der zweiten Welle des Black Metal (Darkthrone, Bathory etc.), schlägt Graveland schnell einen Weg ein, der heidnische Mystik mit nationalistischer, rassistischer Ideologie verbindet. Rob Darken, der sich gerne in Rüstung und mit Schwert ablichten lässt, glorifiziert in seinen Texten eine mythische Vergangenheit von „Blut und Ehre“. Schon früh sympathisiert er mit rechtsextremen Skinheads; auf Gravelands Debütalbum posiert er Seite an Seite mit einem bekannten polnischen Neonazi. Graveland veröffentlicht Alben wie Thousand Swords und Following the Voice of Blood, in denen heidnische Heldensagen mitschwingen, jedoch stets auch der Ruf nach Reinheit der „weißen Rasse“ durchscheint. Als Teil der Pagan Front knüpft Rob Darken Kontakte nach Deutschland – seine Veröffentlichungen erscheinen beim einschlägig bekannten Label No Colours Records in Brandenburg – und weiter bis in die USA.
Parallel dazu entwickelt sich in der Ukraine eine ähnliche Szene. In der Stadt Charkiw gründet sich 1994 die Band Nokturnal Mortum um Frontmann Artem „Knjaz Varggoth“ (Yevhen) Hapon. Anfangs mischen Nokturnal Mortum folkloristische Klänge mit rasendem Black Metal und erregen Aufmerksamkeit mit ihrem Talent und exotischen Sound. Doch schon bald mehren sich Hinweise, dass auch hier die Ideologie ins Spiel kommt: Die Band bedankt sich im Beiheft eines Albums bei Organisationen der extremen Rechten, und ihre Symbolik (Schwarze Sonne, keltische Kreuze) lässt kaum Zweifel. Nokturnal Mortum avancieren zu Helden des osteuropäischen NSBM. Sie veröffentlichen 1997 das Album Goat Horns – ironischerweise bei einem renommierten deutschen Label (Nuclear Blast) –, doch aufgrund der politischen Kontroversen distanziert sich das Label später von der Band. In Interviews äußert sich Knjaz Varggoth ambivalent: Mal bestreitet er, politisch aktiv zu sein, mal bekennt er sich zum ukrainischen Nationalismus und einer Art slawischem Heidentum, das mit antisemitischen Überzeugungen einhergeht.


Während Osteuropa zum fruchtbaren Boden für NSBM heranwächst – man denke etwa auch an Russland mit Bands wie Temnozor oder M8L8TH (auszusprechen als „Hitler“ in Zahlenform) – keimt die Bewegung auch in den USA. Schon 1995 schreibt das US-Neonazi-Magazin Resistance von einer „neuen gefährlichen Musik-Untergrundbewegung aus Europa“. Bald darauf erscheinen in Katalogen von White-Power-Labels wie Resistance Records oder Tri-State Terror Sampler, die NSBM-Bands aus Europa neben amerikanischen Hassrock-Gruppen präsentieren. Besonders im Bundesstaat Virginia schlägt NSBM Wurzeln: 1992 gründet sich dort die Band Grand Belial’s Key (GBK), angeführt von Gelal Necrosodomy, bürgerlich Alexander Halac. GBK spielen einen dreckigen, blasphemischen Black Metal, der in Texten und Ästhetik vehement antichristlich, aber eben auch antisemitisch ist. Ihr Debütalbum Mocking the Philanthropist (1997) sorgt für Entrüstung: Unverhohlen hetzen die Lyrics gegen jüdische und christliche Symbole, und die Band verkauft T-Shirts mit antisemitischen Karikaturen. Grand Belial’s Key geraten schnell ins Visier antifaschistischer Gruppen in den USA, was zu Boykotten und Konzertabsagen führt. Doch in der internationalen NSBM-Szene werden sie gefeiert; ihr Gitarrist Halac vernetzt sich eng mit europäischen Kameraden. So entsteht eine transatlantische Underground-Connection: Deutsche, skandinavische und osteuropäische Aktivisten tauschen sich mit Amerikanern aus, tauschen Tonträger, Veröffentlichungen und Ideologien.



Die Pagan Front und verwandte Netzwerke wie die Allgermanische Heidnische Front (gegründet unter Mitwirkung von Varg Vikernes und mit Ablegern in mehreren Ländern) dienen als Klebstoff dieser globalen Subkultur. Auf DIY-Sampler-CDs wie The Night and the Fog – A Tribute to National Socialist Black Metal vereinen sich Stücke von Bands aus aller Herren Länder: Von Absurd (Deutschland) über Graveland (Polen) bis Grand Belial’s Key (USA). Solche Veröffentlichungen – oft streng limitiert und nur unter der Hand vertrieben – werden von Fans gehandelt wie verbotene Schätze. Die rechtsextreme Szene wittert in dem Phänomen eine Möglichkeit, eine neue jugendliche Zielgruppe anzusprechen. Und tatsächlich rekrutieren Neonazi-Gruppen über diese Musik neue Anhänger: Jugendliche, die vom nihilistischen Zorn des Black Metal angezogen werden, werden mit NS-Ideologien angefüttert.
Heidnische Mystik und braune Ideologie: Weltbild des NSBM
Was genau glauben diese Musiker und Fans, die sich dem NSBM verschreiben? Es ist eine bizarre Mischung, die Außenstehenden oft nur schwer begreiflich ist. Im Kern verschmelzen drei Elemente: extrem rechter Nationalismus, rassistischer Neuheidentum und die provokative Ästhetik des Black Metal.
Neuheidentum oder Paganismus spielt eine zentrale Rolle. Viele NSBM-Interpreten lehnen das Christentum als „fremd“ ab – in ihren Augen ist es eine vom Judentum abstammende Religion, die Europas einst stolze Krieger in demütige Schafe verwandelt habe. Stattdessen beschwören sie die Götter alter Zeiten: Odin/Wotan bei den Germanen, Perun bei den Slawen, Zeus bei den Hellenen. Diese Götter werden jedoch nicht bloß romantisch verehrt, sondern als Verbündete im rassistischen Kampf gesehen. Der Arier wird mystifiziert als Nachfahre göttlicher Wesen, dem eine natürliche Überlegenheit über „minderwertige Rassen“ zugesprochen wird. Solche Vorstellungen passen erschreckend gut zu nationalsozialistischen Rassenideologien – und werden in den Texten zahlreicher NSBM-Bands explizit propagiert.

Absurd etwa nennt 1999 ein Album Asgardsrei. Das Booklet erklärt „Asgardsrei“ als einen heiligen Krieg im Namen der Götter, geführt über die Tempelritter bis hin zur Waffen-SS. Hier werden also Mittelalter-Mythos und Nazi-Elitetruppe direkt in eine Traditionslinie gestellt. Varg Vikernes bezeichnet in einem Interview gar Adolf Hitler selbst als einen der „Krieger der Asgardsrei“, eine Art modernen Wiedergänger der göttlichen Schlacht. Die Botschaft ist klar: Die NS-Ideologie wird nicht als profane Politik betrachtet, sondern als quasi-religiöser Pfad, als spiritueller Krieg im Dienste einer höheren, heidnischen Wahrheit.
Zugleich fließen okkulte und satanistische Konzepte weiter mit ein. Einige NSBM-Künstler sehen im Satanismus (dem klassischen Rebellionsmotiv des Black Metal) einen Verbündeten. Nicht in dem Sinne, dass sie Teufelsanbeter im christlichen Verständnis wären, sondern eher, dass sie im „Satan“ den archetypischen Rebellen erkennen, der sich gegen die „Sklavenmoral“ von Christentum und Humanismus auflehnt. Hendrik Möbus beschrieb den Nationalsozialismus einmal als die perfekte Verbindung aus „luziferischem Willen zur Macht“ und „arisch-germanischem Heidentum“. Dieses Zitat offenbart die geistige DNA des NSBM: Eine Feier der vermeintlich Starken, Grausamen und Rücksichtslosen, die sich nehmen, was sie wollen – moralische Grenzen werden als weichlich und „jüdisch“ diffamiert.
Nicht zuletzt ist da der Kult um Krieg und Gewalt. Viele NSBM-Songs strotzen vor kriegerischer Sprache: Begriffe wie „Ehre“, „Blut“, „Stahl“ und „Tod“ ziehen sich durch Songtitel und Lyrics. Die Musik selbst – ohnehin im Black Metal eine der extremsten Klangformen – unterstreicht diese Inhalte mit donnernden Blastbeats und rasenden Riffs. Hört man ein Stück wie Gravelands „Thousand Swords“ oder Nokturnal Mortums „The Call of Aryan Spirit“, spürt man förmlich, wie hier Schlachtengemälde vertont werden sollen. Die Klänge gleichen einem Sturmangriff, unterlegt von markerschütternden Schreien. Es ist Musik, die Macht demonstrieren will – und die bereit ist, die Symbole der verhassten Vergangenheit (Hakenkreuze, Hitlergrüße, SS-Runen) offen oder verschlüsselt zu integrieren, um Schock und Zusammengehörigkeitsgefühl gleichermaßen zu erzeugen.
Für Außenstehende ergibt sich ein verstörendes Bild: Hier scheint eine jugendliche Subkultur nicht nur mit faschistischen Gedankengut zu flirten, sondern es in ein vollständiges Lebensgefühl umzusetzen – Konzert als Kultstätte, Musiker als Hohepriester einer unheiligen Allianz aus Stromgitarren und Hakenkreuzen. Doch die Sache ist noch komplizierter, denn die Black-Metal-Szene als Ganzes ist keineswegs homogen rechtsextrem. Es gibt Gegenwehr, Verwirrung und Grauzonen.
Grauzonen und Gegenwind: Die Metal-Szene ringt mit sich selbst (2000er Jahre)
Um die Jahrtausendwende ist die Existenz von NSBM weithin bekannt, doch wie geht der Rest der Black-Metal-Welt damit um? Hier zeigt sich ein Spannungsfeld. Auf der einen Seite stehen kompromisslose Ablehner: Bands wie Mayhem, Emperor oder Satyricon betonen öffentlich, nichts mit Neonazis zu schaffen haben zu wollen – Black Metal sei künstlerische Freiheit, keine politische Plattform. In vielen Fanzines und Magazinen positionieren sich Musiker gegen Rassismus. Fenriz von Darkthrone etwa erklärte in Interviews, dass er Neonazis in der Szene für Störer hält, die mit der eigentlichen Musik wenig zu tun haben.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch jene, die die Vorwürfe als „Hexenjagd“ abtun. Einige Black-Metal-Künstler, die sich selbst nicht als Nazis sehen, geraten in die Kritik, weil sie mit NSBM-Bands gemeinsam auftreten oder auf denselben Festivals spielen. Hier entsteht der berüchtigte Grauzonen-Bereich: Bands und Fans, die zwar nicht offen rechtsextrem sind, aber auch keine klare Abgrenzung vornehmen. Sie argumentieren oft mit „Kunstfreiheit“ oder deklarieren sich als „unpolitisch“, was Kritiker wiederum als Wegsehen interpretieren.
Ein Beispiel: Die polnische Band Mgła oder die schwedische Band Marduk wurden wiederholt kritisiert, weil sie mit umstrittenen Bands tourten oder NS-relatierte Symbolik in ihrem Artwork verwendeten. Beide bestritten, rechtsextrem zu sein, und fühlten sich zu Unrecht angegriffen. Solche Fälle führen innerhalb der Metal-Gemeinde zu erbitterten Debatten: Die einen fordern „No Pasarán“ – keine Bühne für Nazis –, die anderen warnen vor einer „politischen Inquisition“, die die künstlerische Radikalität des Black Metal zähmen wolle.
Unterdessen marschieren die überzeugten NSBM-Protagonisten unbeirrt weiter. Hendrik Möbus taucht nach seiner Haftstrafe wieder in der Szene auf, betreibt erneut Musiklabels und organisiert Konzerte im Verborgenen. Bei einem Auftritt 2003 in einem thüringischen Dorf organisiert er sogar Neonazi-Schlägertrupps als Ordner und deklariert die Show zum „Thing“ (einer germanischen Versammlung) der extremen Rechten. Die Botschaft: Black Metal gehört jetzt „uns“, den völkischen Kämpfern.
In Skandinavien tauchen neue umstrittene Gestalten auf: In Schweden etwa der Musiker Nattramn von Silencer, der mit Rufen nach „Rassenkrieg“ kokettiert, oder in Finnland Lauri „Werwolf“ Penttilä, der als Satanic Warmaster Erfolge feiert. Penttilä beteuert zwar, seine Musik drehe sich um Satan und nicht um Politik, doch er tritt auf Konzerten mit einschlägig bekannten Gästen wie Goatmoon (einer finnischen NSBM-Band) auf, und Lieder wie „Aryan Beauty“ in seinem Umfeld sprechen eine eigene Sprache. 2011 sorgt Satanic Warmaster international für Schlagzeilen, als ihr geplanter Auftritt beim renommierten Hellfest in Frankreich nach Protesten anderer Künstler abgesagt wird. Der Veranstalter begründet die Entscheidung damit, man wolle jeglichem Neonazi-Gedankengut vorbeugen – woraufhin Werwolf lautstark von Verleumdung spricht. Dieses Hin und Her – Vorwurf und Dementi – begleitet fortan viele Bands, die irgendwo am Rand des NSBM agieren.



Ein weiterer Eklat erschüttert 2016 die Szene: Beim Steelfest in Finnland brüllt der Sänger von Goatmoon vor jubelndem Publikum „Sieg Heil!“ und Fans zeigen offen den Hitlergruß. Fotos dieses Moments landen im Internet und entfachen Empörung. Viele fragen: Wie konnte es soweit kommen, dass auf einem Metal-Festival in Europa wieder Hitlers Grüße ertönen? Die Veranstalter entschuldigen sich später halbherzig und behaupten, überrascht worden zu sein. Doch Insider wissen: In einigen Ecken der Szene sind solche Auftritte längst Realität.
Während es in Westeuropa hier und da Widerstand und Skandale gibt, etabliert sich in Osteuropa eine regelrechte Infrastruktur. Insbesondere in der Ukraine gedeiht ab 2014, im Zuge der dortigen politischen Umbrüche, eine eng verflochtene Gemeinschaft aus NSBM-Musikern und rechtsextremen Milieus. Das Asgardsrei-Festival in Kiew wird zum jährlichen Treffen der internationalen NSBM-„Elite“. Organisiert von Alexey „Algol“ Levkin, Frontmann der Band M8L8TH und ehemals Kämpfer im rechtsextremen Regiment Asow, treten dort Bands aus ganz Europa und den USA auf – darunter Stammgäste wie Graveland, Nokturnal Mortum, Goatmoon und andere. Die Konzerte gleichen geheimen Kultritualen: Hunderte Fans aus der Neonazi-Szene reisen an, im Publikum blitzen T-Shirts mit Totenköpfen, Black-Sun-Emblemen und verschlüsselten Codes wie „88“ (für „Heil Hitler“) auf. Offene Hakenkreuzflaggen sind zwar in der Ukraine verboten, aber es finden sich genug Alternativsymbole – von keltischen Kreuzen bis zur Wolfsangel. Im Jahr 2019 sorgt Asgardsrei mit einer bizarren „Führernacht“ für Aufsehen: In einem Kellerraum wird ein Altar mit Hitler-Porträt und Hakenkreuz aufgebaut, während NSBM-Musiker auf der Bühne dem „Führer“ musikalisch huldigen. Videos und Berichte davon dringen nach außen und untermauern, wie unverhohlen die Vermischung aus Musik und Nazikult in Teilen der Szene geworden ist.


Gesellschaftliche Reaktionen: Behörden, Medien und die Metal-Welt
Mit zunehmender Öffentlichkeit wächst auch der Druck auf die NSBM-Szene. Behörden beobachten die Verbindungen zwischen rechtsextremer Musik und Neonazi-Netzwerken mit Sorge. In Deutschland werden einige NSBM-Veröffentlichungen indiziert oder beschlagnahmt, insbesondere wenn sie Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen enthalten. So geraten Alben mit offensichtlicher Nazi-Propaganda ins Visier der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Konzerte werden im Vorfeld verboten, wenn bekannt wird, dass einschlägig bekannte Bands spielen sollen. Doch vieles entzieht sich der Kontrolle, da viele Veranstaltungen im Untergrund stattfinden – in privaten Scheunen, auf Waldlichtungen oder unter dem Deckmantel geschlossener Gesellschaften.
Medien greifen das Thema immer wieder auf, meist mit reißerischen Schlagzeilen. Anfangs belächeln manche großen Zeitungen Black Metal als Spinnerei schräger Vögel. Doch nach den Morden und Eskapaden wird die Szene ernster genommen. Dokumentationen im Fernsehen beleuchten die „braune Seite des Black Metal“. Der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und andere große Blätter berichten über Festivals, bei denen „Langhaarige den Arm zum Hitlergruß heben“. Diese Berichte wiederum alarmieren Eltern, Politiker und die breite Öffentlichkeit. Die Frage steht im Raum: Ist das nur provokante Kunst oder tatsächlicher Rechtsextremismus, der junge Menschen radikalisiert? Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Manche Experten, wie der Journalist Christian Dornbusch, argumentieren, NSBM sei eine Einstiegsdroge in die Neonazi-Szene – die Musik liefere den Soundtrack, während im Hintergrund rechtsextreme Kader die Fäden ziehen. Andere, darunter auch manche Soziologen, halten dagegen, dass ein Großteil der Black-Metal-Fans die politischen Inhalte gar nicht ernst nehme und es mehr um Schock und Zugehörigkeit gehe als um echten politischen Fanatismus.
Innerhalb der Metal-Szene selbst bleibt NSBM ein Zankapfel. In den 2010er Jahren formiert sich deutlicher Widerstand: Antifaschistische Metalheads gründen Initiativen wie „Metalheads Against Racism“. Clubs und Festivalveranstalter werden zunehmend sensibilisiert. Als beispielsweise bekannt wird, dass die deutsche Band Absurd unter Pseudonym wieder auftritt, hagelt es Proteste, und einige Clubbesitzer sagen Konzerte ab, um nicht Neonazis im Publikum zu haben. Gleichzeitig bleiben Teile der Szene indifferent oder gar genervt: Man wolle sich doch beim Metal nicht um Politik scheren, heißt es oft, und Black Metal sei nun mal kein Ponyhof – wer sich daran störe, verstehe die Musik nicht.

Es sind auch kommerzielle Interessen im Spiel. Black Metal hat Ende der 2010er eine gewisse Massenwirksamkeit erreicht – Bands wie Behemoth oder Watain füllen Hallen weltweit. Festivals wie Wacken oder Hellfest präsentieren die Extreme des Genres einem breiten Publikum. Die Veranstalter stehen dann vor der Herausforderung, Abgrenzung zu üben, ohne als Spießer dazustehen. Die Entscheidung von Hellfest, Satanic Warmaster auszuladen, war ein deutliches Signal. Andere Festivals folgen diesem Kurs: Verdachtsmomente genügen oft, um eine Band auszuladen, denn kein großes Festival will negative Schlagzeilen als „Nazi-Treff“ riskieren. Dies führt jedoch zu einem Rückzug der NSBM-Szene in eigene Veranstaltungen und Plattformen – ein regelrechtes paralleles Festival-Universum entsteht, abgeschottet von der restlichen Metal-Welt.
In den USA ist die gesellschaftliche Reaktion ambivalent. Einerseits gibt es eine starke Tradition der Meinungsfreiheit: Selbst offen neonazistische Bands dürfen häufig legal auftreten, solange keine direkte Gewaltaufrufe erfolgen. Daher konnten Gruppen wie Grand Belial’s Key oder Absurd (in späterer Besetzung) dort in den 2000ern Konzerte spielen, die in Europa undenkbar gewesen wären. Andererseits formiert sich auch dort Widerstand: Linke Aktivistengruppen und sogar andere Musiker sorgen dafür, dass Konzertorte kündigen, wenn sie über die wahren Ansichten bestimmter Bands aufgeklärt werden. 2019 etwa wurde eine geplante NSBM-Show in Texas gecancelt, nachdem antifaschistische Organisationen den Clubbetreibern die Hintergründe der Bands darlegten. Solche Gegenwehr zeigt, dass NSBM auch in den USA nicht unwidersprochen bleibt, trotz des Deckmantels der Meinungsfreiheit.
Spannungsbogen der Szene: Vom Untergrund zum prallen Scheinwerferlicht
Die Geschichte des NSBM verläuft wie eine tragische Oper in mehreren Akten – voller Blut, Ideologie und verhängnisvoller Allianzen. In Norwegen zündete zu Beginn der 1990er ein einzelner Mann, Varg Vikernes, den Funken an, der das Pulverfass entflammen sollte. Sein Name blieb untrennbar mit dem Genre verbunden, obwohl er selbst nach seiner Haftentlassung 2009 sich offiziell mehr der Familienidylle auf dem Land zuwandte – freilich ohne seine rechtsextremen Ansichten aufzugeben, wie seine späteren Online-Aktivitäten zeigten. In Deutschland kulminierte der Albtraum in einem Schuldspruch wegen Mordes und entfachte doch eine ganze Szene, die noch heute nachwirkt: Hendrik Möbus, der zum international vernetzten Knotenpunkt wurde, hat Generationen jüngerer Musiker beeinflusst. In den USA und darüber hinaus verband der NSBM einst getrennte Milieus – hier die nihilistischen Metaller, dort die stramm organisierten Neonazis – zu einer neuen, grenzüberschreitenden Subkultur.
Mancher mag argumentieren, NSBM sei stets nur ein Randphänomen geblieben, eine verzerrte Fratze in der Nische des extremen Metal. Doch seine Wirkung reicht tiefer: Es hält der Metal-Szene einen Zerrspiegel vor, der unangenehme Fragen aufwirft. Warum bot ein Genre, das einst vor allem für künstlerische Radikalität stand, solchen Hassideologien einen Nährboden? Liegt es daran, dass Black Metal mit seiner glorifizierten Gewalt und Elitedenken anfällig war für diejenigen, die das realpolitisch verstanden? Oder wurde das Genre von außen gekapert, von Akteuren, die einen Jugendkult instrumentalisieren wollten? Vermutlich ein bisschen von beidem.
Die Wechselwirkungen zwischen Subkultur, Musikindustrie, rechter Szene und Gesellschaft sind jedenfalls offenkundig. Rechtsextreme Aktivisten erkannten das Potenzial der Musik – nicht umsonst investierte ein William Pierce Zeit und Geld, um jemanden wie Möbus zu protegieren. Die Musikindustrie wiederum lernte, vorsichtiger zu sein: Große Labels machen heute einen Bogen um alles, was nach NSBM riecht. Bands, die sich verdächtig machen, verlieren Plattenverträge oder werden gar nicht erst unter Vertrag genommen. Die Subkultur reagierte mal trotzig, mal einsichtig. Einige Black-Metal-Fans begannen, sich auf ihren ursprünglichen Rebellionsgeist zu besinnen und sagten: Rebellion heißt nicht, blindlings die übelste Ideologie zu übernehmen, die man findet. Andere wiederum sehen gerade im Festhalten an NSBM einen ultimativen Tabubruch, so paradox es klingt – nach dem Motto: „Wenn ihr uns Nazis nennt, dann sind wir eben welche, nur um euch zu schockieren.“ Dieses Spiel mit der Empörung ist ein gefährliches Unterfangen, da es längst echte Neonazis angezogen hat, die das nicht als Spiel verstehen.
Heute, Mitte der 2020er Jahre, existiert NSBM immer noch. Er hat sich gewandelt, ist stellenweise tiefer in die Unterwelt abgetaucht, während er anderswo, etwa auf Festivals in Osteuropa, sogar offenere Blüten treibt. Der gesellschaftliche Druck zeigt aber Wirkung: Immer öfter stehen Veranstalter in der Verantwortung und lassen Konzerte platzen, wenn Zweifel aufkommen. Auch viele Fans haben dazugelernt und informieren sich kritisch über Bands, bevor sie ihnen ihr Geld geben. Dennoch wird das Thema weiter schwelen, denn es berührt Grundsatzfragen: Wie viel Provokation darf Kunst, wo endet subversiver Schock und wo beginnt menschenverachtende Propaganda?

National Socialist Black Metal (NSBM) bleibt ein düsteres Kapitel in der Geschichte des Metal. Chronologisch hat er sich von den norwegischen Fjorden über deutsche Wälder bis in die amerikanischen Vorstädte und die osteuropäischen Steppen ausgebreitet. Geografisch zeigt er jeweils ein anderes Gesicht: In Skandinavien entsprang er dem Drang nach satanischer Revolte, der in Rassenwahn umschlug. In Deutschland nährte er sich vom braunen Ungeist, der nach der Wende wieder aufstieg. In Amerika dockte er an bestehende White-Power-Strukturen an. Und in Osteuropa verquickte er sich mit Kriegsverherrlichung und nationalen Konflikten.
Doch überall hinterlässt er eine ähnliche Spur – die schmale Gratwanderung zwischen gefährlicher Ideologie und extremer Musikkunst, zwischen freier Meinungsäußerung und Hassrede, zwischen Subkultur und Untergrundverbrechen. Der Spannungsbogen dieses Themas ist noch nicht am Ende: Es bleibt zu hoffen, dass die Szene sich ihrer Verantwortung stellt und die Grenze zwischen Fiktion und fanatischer Realität zieht, bevor noch mehr untote Geister der Vergangenheit zum Leben erwachen. Bis dahin hallen die Echos von verzerrten Gitarrenriffs und verzweifelten Schreien weiter durch die Nacht – begleitet vom unangenehmen Flüstern, das fragt: Ist es nur Musik, oder ein Vorbote echter Dunkelheit?