Der Mord an Øystein Euronymous Aarseth

Der Mord an Øystein Euronymous Aarseth

Wir beleuchten den berühmten Mord an Øystein Euronymous Aarseth. In der Nacht zum 10. August 1993 kam es in Oslo zu einem folgenschweren Aufeinandertreffen zweier prominenter Vertreter der norwegischen Black-Metal-Szene. Øystein “Euronymous” Aarseth, Mitbegründer der einflussreichen Band Mayhem und treibende Kraft der damaligen Underground-Szene, wurde in seiner Wohnung von seinem Bekannten und Bandkollegen Varg Vikernes erstochen. Die Bluttat erschütterte die Metal-Community und sorgte in ganz Norwegen für Entsetzen. Im Folgenden werden die persönlichen Hintergründe der Beteiligten, die gesellschaftliche Stimmung jener Zeit, der Tathergang dieser Augustnacht, die anschließenden Ermittlungen und schließlich die Auswirkungen auf die Black-Metal-Szene und die Musikgeschichte beleuchtet.



Wer war Øystein “Euronymous” Aarseth?

Frühe Jahre und Kindheit

Øystein Aarseth wurde am 22. März 1968 in der Gemeinde Surnadal in Norwegen geboren. Über seine frühe Kindheit ist wenig bekannt. Schon als Jugendlicher begeisterte er sich jedoch für Heavy Metal und extreme Musikstile; in Interviews nannte er etwa Bands wie Venom, Bathory und Hellhammer als wichtige Einflüsse. Diese Leidenschaft führte dazu, dass er bereits mit 16 Jahren eine eigene Band gründete und sich zunächst den Künstlernamen „Destructor“ zulegte, den er später in „Euronymous“ änderte.

Musikalischer Werdegang und Gründung von Mayhem

1984 gründete Aarseth zusammen mit Bassist Jørn „Necrobutcher“ Stubberud und Schlagzeuger Kjetil Manheim die Black-Metal-Band Mayhem in Oslo. Der Bandname wurde vom Venom-Song „Mayhem with Mercy“ inspiriert (Mayhem (band)). Zunächst trat Aarseth unter dem Pseudonym „Destructor“ auf; später änderte er seinen Künstlernamen in „Euronymous“, in Anlehnung an einen Dämon namens Eurynomos. Mayhem begann mit Coverversionen von Black Sabbath, Venom und Motörhead, entwickelte jedoch schnell einen eigenen, von Bands wie Slayer, Bathory und Celtic Frost geprägten Stil. 1987 veröffentlichte die Gruppe ihre erste EP Deathcrush über Aarseths eigenes Label Posercorpse Music; die auf 1.000 Stück limitierte Pressung war rasch vergriffen und begründete Mayhems Ruf in der Underground-Szene .

1988 stießen der schwedische Sänger Per Yngve „Dead“ Ohlin und Schlagzeuger Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg zu Mayhem, wodurch sich die Bandbesetzung konsolidierte. Dead prägte mit seinem morbiden Auftreten – er trug weiß-schwarzes Corpsepaint und inszenierte sich auf der Bühne wie eine lebende Leiche – erheblich das Image der Band.

Anfang 1991 begab sich die Band in ein abgelegenes Haus bei Kråkstad (nahe Oslo), um ungestört proben zu können. Doch die Spannungen zwischen Dead und Euronymous nahmen zu – laut Necrobutcher „gingen sie einander am Ende sehr auf die Nerven“ und „waren nicht mehr wirklich befreundet“. Am 8. April 1991 beging Dead Suizid; Euronymous fand ihn tot auf. Dieser Vorfall markierte einen Bruch: Necrobutcher verließ aus Entsetzen über Euronymous’ makabren Umgang mit dem Tod seines Freundes die Band. Mayhem bestand damit vorerst nur noch aus Euronymous und Hellhammer.

Einfluss auf die Black-Metal-Szene

Aarseth galt als Schlüsselfigur der entstehenden norwegischen Black-Metal-Szene und übernahm eine Führungsrolle innerhalb dieser Subkultur. Er präsentierte sich als Anführer eines elitären, „kultartigen“ Zirkels von Black-Metal-Anhängern – dem sogenannten Black Metal Inner Circle – und propagierte einen militant anti-religiösen, satanistischen Anspruch. Sein eigenes Bandprojekt Mayhem zählt zu den Pionieren der norwegischen Black-Metal-Bewegung und beeinflusste das Genre nachhaltig.

Durch Euronymous’ Engagement – vor allem durch den Helvete-Laden als Szene-Treffpunkt – entstand Anfang der 1990er ein Netzwerk junger Bands, das die zweite Welle des Black Metal einläutete. Schon wenige Monate nach Eröffnung des Ladens waren viele Musiker von Euronymous’ Ideen besessen; mehrere Death-Metal-Gruppen änderten ihren Stil und formierten sich zu prägenden Black-Metal-Bands. So wurde etwa aus der Death-Metal-Band Thou Shalt Suffer die Gruppe Emperor, und Darkthrone vollzogen den Wechsel vom technischen Death Metal zu rohem Black Metal. Euronymous förderte auch aktiv Nachwuchsbands: Er verhalf Emperor und Enslaved zu Plattenverträgen und veröffentlichte mit seinem Label die Musik von Burzum, dem Solo-Projekt seines Schützlings Varg Vikernes.

Auch musikalisch hinterließ Euronymous deutliche Spuren. Er gilt – neben seinem Freund Snorre „Blackthorn“ Ruch – als Mitbegründer des charakteristischen norwegischen Black-Metal-Gitarrenstils. Laut Ruch entwickelte Euronymous eine neuartige Methode des Tremolo-Pickings, um die für das Genre typischen, schaurigen Arpeggio-Riffs spielen zu können. Seine Gitarrenarbeit auf Mayhems Debütalbum De Mysteriis Dom Sathanas, das nach seinem Tod erschien und heute als Klassiker des Genres gilt, prägte zahllose nachfolgende Bands.

Aktivitäten mit dem Plattenlabel Deathlike Silence Productions

1987 gründete Aarseth sein eigenes Independent-Plattenlabel Deathlike Silence Productions (DSP) (zunächst unter dem Namen Posercorpse Music) (Deathlike Silence Productions). Der Name Deathlike Silence war dem Titel eines Liedes der deutschen Thrash-Metal-Band Sodom entlehnt. Das Label spezialisierte sich auf extremen Underground-Metal und wurde zu einer wichtigen Plattform für die aufkommende Black-Metal-Szene in Norwegen.

DSP veröffentlichte in kurzer Zeit mehrere stilprägende Alben. So erschienen dort unter anderem Mayhems Deathcrush (1987, Neuauflage 1993), das Debüt Burzum (1992) von Vikernes’ Projekt Burzum sowie Aufnahmen der schwedischen Bands Merciless und Abruptum. Aarseth bemühte sich auch um internationale Kooperationen: Gemeinsam mit Morgan Håkansson von Marduk plante er eine schwedische DSP-Zweigstelle, und 1993 nahm er die japanische Band Sigh unter Vertrag. Weitere Veröffentlichungen mit Gruppen aus Griechenland (z. B. Rotting Christ) und Südamerika waren angedacht. Nach Euronymous’ Tod 1993 wurde DSP nicht weitergeführt; der Vertrieb der bestehenden Veröffentlichungen wurde vom Label Voices of Wonder übernommen.

Die Ereignisse rund um den Helvete-Plattenladen

Aarseth eröffnete im Mai/Juni 1991 in Oslo den Plattenladen Helvete (norwegisch für „Hölle“). Der Laden befand sich in der Schweigaards Gate 56 in Oslo. Schnell wurde er zum Treffpunkt der aufkeimenden Black-Metal-Szene; in den Kellerräumen versammelte sich der von Aarseth angeführte „Black Circle“, dem neben Mayhem-Mitgliedern auch Musiker von Bands wie Emperor, Burzum und Thorns angehörten. Helvete war zugleich das Hauptquartier von Aarseths Label DSP, dessen Büro und Lager im Laden untergebracht waren. Die Wände des Geschäfts waren schwarz gestrichen und mit mittelalterlichen Waffen sowie Schallplatten dekoriert, im Schaufenster prangte ein künstlicher Grabstein – all das unterstrich die düstere Atmosphäre des Ladens.

Helvete entwickelte sich rasch zum Epizentrum der norwegischen Black-Metal-Bewegung. Der Fanzine-Herausgeber Jon „Metalion“ Kristiansen bezeichnete die Eröffnung des Ladens rückblickend als die „Geburt der gesamten norwegischen Black-Metal-Szene“. Viele junge Musiker knüpften dort Kontakte und tauschten Ideen aus. Euronymous selbst wohnte zeitweise im Keller des Ladens; auch Varg Vikernes und Mitglieder von Emperor nutzten Helvete vorübergehend als Unterkunft. Allerdings war das Geschäft kommerziell wenig erfolgreich – laut Stian „Occultus“ Johannsen war der angemietete Raum „viel zu groß und die Miete zu hoch“. Anfang 1993 geriet Helvete durch Medienberichte über die zunehmende Gewalt in der Black-Metal-Szene unter Druck, und kurz vor Aarseths Tod im August 1993 wurde der Laden geschlossen.

Beziehung zu anderen Figuren der norwegischen Black-Metal-Szene

Innerhalb von Mayhem pflegte Euronymous enge, aber teils spannungsreiche Beziehungen zu seinen Mitstreitern. Bassist Necrobutcher war seit der Gründung 1984 einer seiner engsten Verbündeten. Nach Dead’s Tod 1991 zerbrach diese Freundschaft jedoch, da Necrobutcher schockiert über Euronymous’ makabren Umgang mit dem Suizid des Sängers war . Er brach den Kontakt ab und äußerte später sogar, er habe Euronymous am liebsten selbst getötet, wäre ihm Varg Vikernes nicht zuvorgekommen. Schlagzeuger Hellhammer hielt dagegen weiterhin zu Euronymous und führte Mayhem nach dessen Tod fort.

Die Beziehung zu Sänger Dead (Per Yngve Ohlin) war von einer gemeinsamen Faszination für das Morbide geprägt, aber auch von Konflikten im Alltag). In einem Vorfall schoss Euronymous nachts mit einer Schrotflinte in die Luft, nachdem Dead verärgert das Haus verlassen hatte. Varg Vikernes behauptete später sogar, Dead habe Euronymous einmal mit einem Messer attackiert . Als Dead im April 1991 Selbstmord beging, reagierte Euronymous in extremer Weise: Er fotografierte die Leiche und behielt Teile von Deads Schädel als makabres Andenken. Diese soll er zu Halsketten verarbeitet und an befreundete Musiker verteilt haben, was selbst in der extremen Black-Metal-Szene für Entsetzen sorgte.

Auch außerhalb der Band unterhielt Aarseth ein weitreichendes Netzwerk innerhalb der Szene. Besonders eng war sein Kontakt zu Kristian „Varg“ Vikernes, den er als junges Talent förderte. Euronymous veröffentlichte 1992 Burzums Debütalbum auf DSP und lud Vikernes ein, als Bassist bei Mayhem einzusteigen. Anfänglich bestand ihr Verhältnis aus Mentor und Schüler; bald entwickelte sich jedoch eine Rivalität, wer von beiden die extremere Haltung verkörpern konnte.

1992 begann Vikernes, sich mit spektakulären Straftaten (insbesondere Kirchenbrandstiftungen) einen Namen in der Szene zu machen, womit er Euronymous’ Einfluss zunehmend in den Schatten stellte. Das einstige Vertrauen schlug in Misstrauen um; bis 1993 eskalierte die Feindschaft zwischen den beiden. Euronymous soll im kleinen Kreis angekündigt haben, Vikernes foltern und töten zu wollen, während dieser wiederum befürchtete, selbst von Euronymous ermordet zu werden. Snorre „Blackthorn“ Ruch (Gitarrist von Thorns) geriet dabei zwischen die Fronten: Er wurde von Vikernes gedrängt, ihn in der Mordnacht 1993 nach Oslo zu begleiten, obwohl er selbst unbeteiligt bleiben wollte.

Zu Aarseths Freundeskreis gehörten auch Musiker der Band Emperor. Bård „Faust“ Eithun, der Schlagzeuger von Emperor, lebte und arbeitete zeitweise im Helvete-Laden. 1992 verübte Faust einen Mord und beteiligte sich – gemeinsam mit Vikernes – an mehreren Kirchenbrandstiftungen; diese Taten trugen zum berüchtigten Ruf der Szene bei.

Philosophien, Ansichten und künstlerische Vision

Euronymous verstand sich selbst als radikalen Verfechter des Bösen und des Satanismus. Er schuf ein elitäres und geheimnisumwobenes Image um seine Person: So sprach er von einem Inner Circle der Black-Metal-Szene, einer quasi-kultartigen Geheimgesellschaft, die er selbst anführte. In öffentlichen Äußerungen zeigte er unverhohlenen Menschenhass (Misanthropie) und glorifizierte Gewalt und Tod als Mittel im Kampf gegen das Christentum.

Aarseth faszinierte insbesondere die Idee absoluter Kontrolle und Brutalität, wie sie in totalitären politischen Systemen zum Ausdruck kommt. Er bewunderte diktatorische Regime wie die Sowjetunion unter Stalin und Nicolae Ceaușescus Rumänien und sammelte Memorabilien aus dem Ostblock. Als Jugendlicher trat er der marxistisch-leninistischen Jugendorganisation Rød Ungdom bei, verließ diese jedoch wieder, da ihm deren Haltung „zu human“ war. „Ich hasse Menschen, also möchte ich nicht, dass sie Spaß haben – ich möchte sie unter einer kommunistischen Diktatur verrotten sehen“, erklärte Euronymous einmal provokativ. Mayhem-Sänger Attila Csihar betonte allerdings, Euronymous sei kein Kommunist im eigentlichen Sinne gewesen; er habe vielmehr die Machtstrukturen solcher Regime und deren Unterdrückungsinstrumente verherrlich.

Auch außerhalb politischer Kategorien bemühte sich Euronymous, stets die extremste Position einzunehmen. Hellhammer bemerkte: „Euronymous wollte die extremste Person sein“. So kokettierte Aarseth mal mit kommunistischen, mal mit faschistischen Aussagen, einzig um Schockwirkung zu erzielen. In einem privaten Schreiben behauptete er provokativ, nahezu alle norwegischen Black-Metal-Musiker – Mayhem eingeschlossen – seien „mehr oder weniger Nazis“, betonte jedoch zugleich, dass er die Musik von Mayhem nicht zur Verbreitung politischer Ansichten nutze.

Euronymous ging es vielmehr um die Schaffung eines finsteren, nihilistischen Gesamtkunstwerks im Black Metal. Er kritisierte, dass die Metal-Szene Anfang der 1990er seiner Ansicht nach zu „trendy“ und kommerziell geworden sei, und forderte eine Rückbesinnung auf Kompromisslosigkeit und Dunkelheit. So nutzte er selbst extreme Ereignisse – etwa den Suizid seines Sängers Dead – um Mayhems Ruf als „wahre“ teuflische Band zu untermauern, ungeachtet moralischer Tabus.

Ereignisse bis zu seinem Tod im Jahr 1993

Nach Dead’s Suizid im April 1991 versuchte Euronymous, Mayhem mit neuen Mitgliedern weiterzuführen. Er verpflichtete den Sänger und Bassisten Stian „Occultus“ Johannsen, doch dieser verließ die Band bereits nach kurzer Zeit wieder, nachdem Euronymous ihm Gewalt angedroht hatte. Mayhem lag damit vorerst brach, während Aarseth seine anderen Pläne vorantrieb.

Im Sommer 1991 eröffnete Euronymous den Plattenladen Helvete in Oslo, der zum Sammelpunkt der Black-Metal-Szene wurde (siehe oben). Aus dem Kreis um Helvete gingen 1992 mehrere Kirchenbrandstiftungen in Norwegen hervor, die der Szene erhebliches mediales Aufsehen einbrachten. Varg Vikernes geriet dadurch ins Visier der Polizei. Im August 1992 beging zudem Bård „Faust“ Eithun (Emperor) einen Mord, der lange unaufgeklärt blieb. Anfang 1993 prahlte Vikernes in einem Zeitungsinterview mit den Brandstiftungen; kurz darauf wurde er vorübergehend verhaftet. Euronymous’ Verhältnis zu Vikernes verschlechterte sich in dieser Zeit, und er schloss Anfang 1993 den Helvete-Laden, da er Razzien befürchtete.

In der Nacht zum 10. August 1993 fuhr Vikernes gemeinsam mit Snorre „Blackthorn“ Ruch von Bergen zu Aarseths Wohnung in Oslo. Dort kam es zur tödlichen Konfrontation: Vikernes griff Euronymous mit einem Messer an und fügte ihm 23 Stichwunden zu, darunter Verletzungen an Kopf, Hals und Rücken. Euronymous starb noch am Tatort. Vikernes behauptete später, er habe in Notwehr gehandelt, da Euronymous geplant habe, ihn zu foltern und umzubringen. Mitglieder der Szene bezweifelten diese Version; Necrobutcher vermutete beispielsweise, dass Vikernes aus Angst vor einer Morddrohung handelte, die Euronymous ihm zuvor ausgesprochen hatte. Vikernes und Blackthorn flohen nach der Tat zurück nach Bergen, wo Vikernes am 19. August 1993 festgenommen wurde.

Persönliche Hintergründe der Beteiligten

Øystein „Euronymous“ Aarseth

Øystein Aarseth (geb. 1968) war Gitarrist und Mitbegründer der Band Mayhem, die 1984 ins Leben gerufen wurde und als Wegbereiter des norwegischen Black Metal gilt. Unter seinem Pseudonym Euronymous entwickelte er sich zur zentralen Figur der Szene. Er gründete das Plattenlabel Deathlike Silence Productions und betrieb in Oslo den legendären Plattenladen Helvete (norwegisch für „Hölle“), der zum Treffpunkt für Gleichgesinnte wurde. Euronymous inszenierte sich als radikaler Theistischer Satanist und Misanthrop: Er propagierte Hass, Gewalt und Anti-Christentum nicht nur in der Musik, sondern auch als Lebensstil. In einem selbst ernannten „Inner Circle“ um ihn sammelten sich Anfang der 90er Jahre junge Musiker, die mit schockierenden Aktionen und extremen Ansichten bewusst gesellschaftliche Tabus brachen. Euronymous’ kompromisslose Haltung führte auch zu Konflikten innerhalb seines Umfelds. So verließ Mayhem-Bassist Jørn “Necrobutcher” Stubberud die Band, nachdem Euronymous den Suizid ihres Sängers Dead (Per Yngve Ohlin) 1991 in bizarrer Weise ausgenutzt hatte. Euronymous fotografierte damals den Leichnam seines Freundes, bevor er die Polizei informierte – ein Schock für viele, der jedoch seine morbide Aura in der Szene nur verstärkte.

Varg Vikernes

Varg Vikernes (geb. 1973), mit bürgerlichem Namen Kristian Vikernes, wuchs in Bergen auf und machte sich Anfang der 90er Jahre mit seinem Solo-Projekt Burzum einen Namen in der Black-Metal-Underground-Szene. Er trat zunächst als Fan in Erscheinung, freundete sich mit Euronymous an und veröffentlichte seine ersten Alben über dessen Label. Zeitweilig stieg Vikernes sogar als Bassist bei Mayhem ein, nachdem Necrobutcher ausgestiegen war. Unter dem Pseudonym Count Grishnakh verkörperte Vikernes das Ideal des extremen Black Metal: Er trug Corpsepaint (leichenhaftes Bühnenschmink-Makeup), pflegte ein geheimnisvolles, bedrohliches Auftreten und äußerte sich offen verächtlich über Christentum und moderne Gesellschaft. Gleichzeitig entwickelten sich bei Vikernes ideologische Tendenzen, die über den Satanismus hinausgingen – er interessierte sich verstärkt für nordisch-heidnische Mythologie und zeigte provokativ nationalistisches Gedankengut.

Bereits 1992 geriet Vikernes in die Schlagzeilen, als in Norwegen eine Reihe von Kirchenbrandstiftungen begangen wurde. Mehrere historische Kirchen – darunter die berühmte Fantoft-Stabkirche – brannten nieder. Vikernes wurde verdächtigt, an einigen dieser Taten beteiligt zu sein, was er indirekt befeuerte: Unter dem Mantel der Anonymität gab er einem Journalisten ein Interview, in dem er die Brandstiftungen als Tat eines satanistischen Untergrunds darstellte. Die Veröffentlichung dieses Interviews Anfang 1993 führte zu polizeilichen Ermittlungen gegen die Black-Metal-Szene und zwang Euronymous schließlich, seinen Laden Helvete zu schließen, um weiterer Aufmerksamkeit zu entgehen. Innerhalb der einst engen Gemeinschaft entstanden Spannungen. Euronymous und Vikernes – einst Verbündete – entfremdeten sich zunehmend. Es gab Streit um Geld (Euronymous soll Vikernes Tantiemen geschuldet haben) und um Reputation in der Szene. Beide wollten die tonangebende Rolle übernehmen. Vikernes behauptete später, Euronymous habe hinter seinem Rücken Mordfantasien gegen ihn geäußert, während Beobachter von einem Machtkampf zwischen zwei Egozentrikern sprachen. In dieser aufgeheizten Atmosphäre steuerte ihre Beziehung unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.

Gesellschaftliche Umstände in Norwegen (frühe 1990er)

Anfang der 1990er-Jahre prallten in Norwegen konservative Werte und eine neue, extreme Jugendkultur aufeinander. Die Black-Metal-Bewegung, die sich vor allem in Oslo, Bergen und Umgebung formierte, stand in krassem Widerspruch zur traditionellen, lutherisch geprägten Gesellschaft. Junge Musiker der Szene – meist Männer um die 18 bis 25 Jahre – provozierten mit satanischen Symbolen, blasphemischen Texten und radikalen Aussagen. Es ging ihnen um eine bewusste Abkehr von Mainstream-Normen und um das Ausleben von Dunkelheit und Extremität. Das Tragen von Nieten, Leder und schwarz-weißer Corpsepaint-Schminke wurde zum Erkennungszeichen dieser Subkultur. Konzerte fanden oft im Untergrund statt, begleitet von makabren Inszenierungen mit Tierkadavern oder kunstblutüberströmten Musikern auf der Bühne. Was für die Beteiligten als Ausdruck künstlerischer Freiheit und Rebellion gedacht war, wirkte auf die Außenwelt wie der Vorbote einer satanischen Bedrohung.

Gesellschaftliche Spannungen entluden sich, als aus Worten Taten wurden. 1992 begann eine Welle von Kirchenbränden, die dem Land tiefe Schrecken einjagte. Nach und nach stellte sich heraus, dass hinter vielen Brandstiftungen Anhänger der Black-Metal-Szene standen. Die Taten wurden von den Tätern als symbolische Kriegsführung gegen das Christentum in Norwegen gerechtfertigt. Gleichzeitig ereigneten sich extrem gewalttätige Vorfälle: Im August 1992 ermordete Bård „Faust“ Eithun (Schlagzeuger der Band Emperor) einen Mann in Lillehammer, was innerhalb der Szene einer bizarren Steigerungslogik entsprach – man wollte die ultimative Rücksichtslosigkeit beweisen. Medien und Öffentlichkeit reagierten entsetzt und fasziniert zugleich. Zeitungen sprachen von Satanskulten und dunklen Zirkel, die im Verborgenen agierten. In Fernsehberichten wurden junge Musiker mit düsterer Schminke zu Feindbildern stilisiert. Diese Berichterstattung heizte die Stimmung weiter an: Während die Mehrheit der Norweger mit Unverständnis und Abscheu reagierte, fühlten sich die Black-Metal-Anhänger in ihrem selbstgewählten Outsider-Ruhm bestätigt. Polizei und Justiz verstärkten den Druck auf die Szene – Razzien, Vernehmungen und Überwachungen häuften sich in den Jahren 1992/93. Diese gesellschaftliche Kulisse aus Angst, Empörung und sensationalistischer Neugier bildete den Hintergrund, vor dem sich schließlich die Tragödie um Euronymous und Varg Vikernes abspielte.

Tathergang am 10. August 1993

Am Abend des 10. August 1993 machten sich Varg Vikernes und sein Bekannter Snorre „Blackthorn“ Ruch (Gitarrist der Band Thorns) von Bergen aus auf den Weg nach Oslo. Vikernes hatte angeblich vor, Euronymous wegen vertraglicher Angelegenheiten zu besuchen – im Raum stand ein unterschriebener Vertrag, den er übergeben wollte. Beide jungen Männer fuhren die rund siebenstündige Strecke durch die Nacht. In den frühen Morgenstunden des 10. August erreichten sie Euronymous’ Wohnung in der Tøyengata im Osten Oslos. Blackthorn blieb draußen vor dem Gebäude und rauchte nervös eine Zigarette, während Vikernes gegen 3 Uhr morgens das Treppenhaus hinaufstieg zu Euronymous’ Apartment im vierten Stock.

Was dann geschah, lässt sich nur aus späteren Aussagen rekonstruieren. Vikernes klopfte oder klingelte, und Euronymous öffnete die Tür. Es entwickelte sich sofort ein heftiger Streit, in dem jahrelange Spannungen eskalierten. Vikernes betrat die Wohnung, und nach eigenen Angaben übergab er zunächst den Vertrag. Doch kurz darauf gerieten die beiden Männer körperlich aneinander. Vikernes behauptete später, Euronymous habe in Panik reagiert und ihm unvermittelt einen Tritt versetzt, um ihn aus der Wohnung zu drängen. Euronymous soll dann in Richtung Küche geflüchtet sein, möglicherweise um ein Messer zu holen. Vikernes folgte ihm – Entschlossenheit und Angst trieben ihn gleichermaßen an. In der Enge der Wohnung kam es zum Kampf. Schließlich verlagerte sich die Auseinandersetzung aus der Wohnung hinaus in das Treppenhaus. Dort, zwischen den kahlen Wänden des Mietshauses, entlud sich die aufgestaute Gewalt.

Vikernes stach mit einem Messer wiederholt auf Euronymous ein. Der tödlich verletzte Aarseth versuchte, die Flucht nach unten anzutreten, doch er brach im ersten Stock des Treppenhauses zusammen. Insgesamt wurde Euronymous 23 Mal mit der Klinge getroffen – später zählten die Gerichtsmediziner zwei Stiche am Kopf, fünf am Hals und 16 am Rücken. Diese Verteilung der Wunden deutete darauf hin, dass das Opfer teilweise auf der Flucht oder am Boden liegend angegriffen worden war. Euronymous starb noch am Tatort an den zahlreichen Stichverletzungen. Die blutige Szene ließ erahnen, wie erbittert der Zweikampf gewesen sein muss. Vikernes hingegen blieb – abgesehen von kleineren Blessuren – unverletzt. In panischer Eile verließ er den Ort des Geschehens. Er rannte zurück zu Blackthorn, der das Ende der Auseinandersetzung nicht direkt mitangesehen hatte. Gemeinsam flohen sie aus Oslo, noch bevor Nachbarn oder die Polizei etwas bemerkten.

Auf der Rückfahrt nach Bergen hielten Vikernes und Blackthorn an einem abgelegenen See, um Beweismittel zu beseitigen. Vikernes zog seine blutdurchtränkten Kleider aus und versenkte sie im Wasser, damit man sie nicht finden würde. Die beiden setzten die Fahrt fort, als wäre nichts geschehen, und kamen am nächsten Tag nach langer Autofahrt wieder in Bergen an. Zur gleichen Zeit entdeckte ein Hausbewohner in Oslo den leblosen Euronymous im Treppenhaus und alarmierte die Polizei. Die Nachricht vom Tod des bekannten Black-Metal-Musikers verbreitete sich rasch. Anfangs kursierten Gerüchte, unbekannte “Satansmörder” oder rivalisierende schwedische Metal-Fans hätten die Tat begangen – niemand wollte wahrhaben, dass der Feind aus den eigenen Reihen gekommen war. Doch bald geriet Varg Vikernes ins Visier der Ermittler, und die Suche nach der Wahrheit hinter diesem grausamen Verbrechen begann.

Ermittlungen und Aufklärung

Die Osloer Polizei stand vor einem spektakulären Fall, der medial bereits hochgekocht wurde. Tatverdächtiger Nr. 1 war von Beginn an Varg Vikernes. Seine offene Fehde mit Euronymous war in der Szene bekannt, und er konnte für die Tatnacht kein überzeugendes Alibi vorweisen. Tatsächlich hatte Vikernes versucht, sich abzusichern: Ein Freund blieb während der Nacht in Vikernes’ Wohnung in Bergen zurück, um durch auffällige Aktivitäten den Eindruck zu erwecken, Vikernes sei gar nicht verreist. Dieser Komplize lieh sich Videos aus und benutzte Vikernes’ Kreditkarte in Bergen, während Vikernes selbst in Oslo war. Doch diese fingierte Alibi-Aktion hielt nicht lange stand. Die Ermittler fanden bald heraus, dass Vikernes und Blackthorn in jener Nacht aus Bergen abgereist waren – sei es durch Zeugenaussagen, Indizien oder die eigenen Ungereimtheiten in Vikernes’ Schilderung. Am 19. August 1993, nur neun Tage nach der Tat, stürmte die Polizei Vikernes’ Wohnung in Bergen und nahm den damals 20-Jährigen fest. Bei der Verhaftung machte man einen brisanten Fund: In Vikernes’ Besitz lagerten etwa 150 kg Sprengstoff und große Mengen Munition. Dieser Fund untermauerte das Bild eines hochgefährlichen Extremisten und schockierte die norwegische Öffentlichkeit zusätzlich.

Parallel zu Vikernes wurden auch andere Mitglieder der Black-Metal-Szene festgenommen oder verhört. Snorre „Blackthorn“ Ruch wurde als mutmaßlicher Mitwisser in Haft genommen. Ebenso geriet Bård „Faust“ Eithun, der bereits für den Lillehammer-Mord von 1992 verantwortlich war, nun endgültig in polizeilichen Gewahrsam. Die Behörden rollten die gesamte Gewaltserie der vergangenen Jahre auf. Einige der Beschuldigten legten Geständnisse ab – insbesondere in Bezug auf die Kirchenbrände – und belasteten einander gegenseitig. Vikernes jedoch bestritt vehement, Euronymous vorsätzlich ermordet zu haben. Er beharrte darauf, in jener Nacht aus Notwehr gehandelt zu haben: Angeblich habe Euronymous ihn in eine Falle locken wollen, um ihn zu töten, und er (Vikernes) sei dem nur zuvorgekommen. Diese Version stand allerdings im Widerspruch zu der Vielzahl und Art der Messerstiche, die auf einen Angriff hindeuteten, der über bloße Selbstverteidigung hinausging.

Der Prozess gegen Varg Vikernes begann am 2. Mai 1994 in Oslo und wurde von immensem Medieninteresse begleitet. Fernsehteams und Journalisten aus dem In- und Ausland verfolgten den spektakulären Gerichtsprozess, der die dunklen Kapitel der Black-Metal-Szene ans Licht brachte. Im Gerichtssaal wurde deutlich, wie sorgfältig die Tat vorbereitet gewesen war: Die Staatsanwaltschaft legte dar, dass Vikernes, Blackthorn und ein dritter Komplize den Mord planmäßig eingefädelt hatten – inklusive des fingierten Alibis in Bergen. Zeugenaussagen und Indizien zeichneten das Bild eines Mordkomplotts, bei dem Vikernes die treibende Kraft gewesen sei. Der Angeklagte selbst inszenierte sich hingegen als unverstandener Einzelgänger, der aus Angst um sein eigenes Leben gehandelt habe. Die norwegische Presse stempelte Vikernes in diesen Tagen zum Inbegriff des Bösen – man sprach vom „gefährlichsten Mann Norwegens seit Jahrzehnten“. Unbeeindruckt davon zeigte Vikernes im Gerichtssaal wenig Reue und schien die mediale Aufmerksamkeit mit kaltem Lächeln zu ertragen.

Nach Wochen intensiver Beweisaufnahme fiel am 16. Mai 1994 das Urteil: Varg Vikernes wurde des Mordes an Øystein Aarseth für schuldig befunden. Darüber hinaus verurteilte das Gericht ihn für die Brandstiftung an drei Kirchen, den versuchten Brandanschlag auf eine vierte Kirche sowie für den Diebstahl und Besitz der großen Menge Sprengstoff. Die Gesamtstrafe betrug 21 Jahre Freiheitsentzug, das maximale Strafmaß nach norwegischem Recht. Snorre „Blackthorn“ Ruch wurde wegen Beihilfe zum Mord zu 8 Jahren Haft verurteilt. Andere Beteiligte aus der Szene, wie Faust, erhielten ebenfalls mehrjährige Gefängnisstrafen für ihre Verbrechen. Der Schuldspruch gegen Vikernes wurde in Norwegen mit Erleichterung aufgenommen – man hoffte, damit einen Schlussstrich unter die blutige Episode ziehen zu können. Doch selbst am Tag der Urteilsverkündung riss die Kette der Ereignisse nicht ab: Ausgerechnet in der Nacht zum Urteilsspruch brannten erneut zwei Kirchen in Norwegen. Diese Brände wurden als makabre Solidaritätsbekundung fanatischer Verehrer Vikernes’ gedeutet, was einmal mehr zeigte, welchen verstörenden Eindruck die ganze Affäre hinterlassen hatte. Vikernes trat seine Gefängnisstrafe an (er sollte schließlich 15 Jahre verbüßen und 2009 auf Bewährung entlassen werden), doch die Nachwirkungen des Falls sollten die Musikszene noch lange beschäftigen.

Auswirkungen auf die Black-Metal-Szene und die Musikgeschichte

Der Mord an Euronymous und die darauf folgenden Prozesse markierten einen Wendepunkt für die norwegische Black-Metal-Szene. Personell und organisatorisch war die Szene nach 1993 stark geschwächt: Ihr inoffizieller Anführer war tot, mehrere prominente Mitglieder saßen im Gefängnis, und zentrale Treffpunkte wie der Helvete-Laden blieben geschlossen. Die Band Mayhem, deren Zukunft nach dem Verlust ihres Gründers ungewiss war, beschloss dennoch weiterzumachen. Noch während des Prozesses, im Mai 1994, erschien Mayhems Album De Mysteriis Dom Sathanas, an dem Euronymous und Vikernes vor der Tat gemeinsam gearbeitet hatten – Euronymous an der Gitarre, Vikernes am Bass. Aus Respekt vor dem Opfer bat Euronymous’ Familie darum, Vikernes’ Bassspuren zu entfernen. Der Schlagzeuger Hellhammer entschied sich jedoch, die Originalaufnahmen zu belassen: Mörder und Opfer sind bis heute auf diesem legendären Album vereint. Mayhem rekrutierte neue Mitglieder und führte die Band in veränderter Form weiter. Dennoch ging mit Euronymous’ Tod eine Ära zu Ende: Die informelle Organisation, die er um sich geschart hatte, zerfiel. Einige Musiker – darunter Mayhems früherer Bassist Necrobutcher – kehrten der extremen Szene den Rücken. Andere, wie Ihsahn von Emperor, stellten nüchtern fest, dass mit dem Ende des Helvete-Treffpunkts auch der vorherige Zusammenhalt und die „Disziplin“ in der Szene verschwanden.

Gleichzeitig bildete sich ein Mythos um die Ereignisse. Euronymous wurde in Teilen der Metal-Welt zur Märtyrerfigur stilisiert – als „Godfather of Black Metal“ und letzter wahrer Verfechter der ursprünglichen Ideale. Auch Vikernes erlangte zwiespältigen Kultstatus: Für manche verkörperte er die ultimative Rebellion gegen jede Autorität, für die meisten jedoch blieb er ein Mörder und Verräter an der eigenen Szene. Tatsächlich wandte sich Vikernes im Gefängnis vom Satanismus ab und propagierte statt dessen neonazistische und heidnische Ideologien, was viele frühere Weggefährten als Bruch mit dem Black Metal verstanden. Innerhalb der norwegischen Metal-Gemeinschaft fühlten sich einige sogar zur Rache berufen – es gab Drohungen gegen Vikernes und schwülstige Schwüre, den gefallenen Euronymous zu „rächen“. Allerdings blieb es bei Worten; die Szene suchte letztlich andere Wege, mit ihrem Erbe umzugehen. Ein Teil von Euronymous’ Freunden und Kollegen zeigte sich erstaunlich ungerührt. Später berichteten einige, Aarseths Tod habe sie kaum überrascht – er habe mit seinem drastischen Auftreten „das Schicksal herausgefordert“. Wie der Musiker Anders Odden es ausdrückte: „Es war kein Wunder, dass es ihn erwischt hat. Er glaubte, er könne Leute mit dem Tod bedrohen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.“ Dieses Gefühl, dass eine eskalierende Gewaltspirale fast zwangsläufig in Mord enden würde, teilten viele insgeheim. Einige gaben sogar zu, insgeheim Erleichterung verspürt zu haben, dass Euronymous’ tyrannisches Auftreten ein Ende gefunden hatte.

Über die Grenzen Norwegens hinaus hatte der Fall tiefgreifende Auswirkungen auf die Musikgeschichte. Die brutalen Vorfälle um Mayhem und Burzum sorgten weltweit für Schlagzeilen und lenkten das Interesse auf die bis dato obskure Black-Metal-Szene. Was ursprünglich eine lokale Underground-Bewegung war, wurde Mitte der 90er international bekannt – allerdings ebenso sehr wegen der Verbrechen wie wegen der Musik. Der Mythos vom „bösen Black Metal aus dem hohen Norden“ befeuerte die Popkultur: Bücher (wie “Lords of Chaos”), Dokumentationen und später sogar Spielfilme griffen die Geschichte auf. Die abscheuliche Tat und ihre Vorgeschichte wurden zum dunklen Legendenstoff, der das Image des Black Metal nachhaltig prägte. In der Metal-Community führte dies zu kontroversen Diskussionen: Viele Bands distanzierten sich fortan von kriminellen Handlungen und betonten, dass es um Musik und nicht um Gewalt gehen solle. Andere wiederum nutzten die neu gewonnene Aufmerksamkeit, um ihre Karriere voranzutreiben, und spielten mit dem Ruf des Genres, gefährlich und unberechenbar zu sein.

Rückblickend markierte der Mord an Øystein „Euronymous“ Aarseth das Ende einer extremen Phase der norwegischen Black-Metal-Szene. Die Ereignisse von 1993 dienten als Warnung, wie dünn die Linie zwischen künstlerischer Provokation und realer Gewalt sein kann. Sie hinterließen eine geteilte Hinterlassenschaft: Einerseits zerstörten sie eine Gemeinschaft von Musikern und Freunden, andererseits trugen sie ironischerweise dazu bei, Black Metal weltweit bekannt zu machen. Der Fall Euronymous/Vikernes bleibt einer der berüchtigsten Kriminalfälle der Musikgeschichte – ein düsteres Kapitel, das bis heute nachhallt und die Grenzen von Freiheit, Fanatismus und Verantwortung innerhalb der Kunst aufs Neue definierte.

Interview

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